8. GEFANGEN IM REALITY DISTORTION FIELD

Ehre, nun ja, vielleicht ist dieser Begriff etwas zu hoch gegriffen, meint er doch etwas wie „Achtungswürdigkeit“ oder „verdienter Achtungsanspruch“. Beides nicht unbedingt Umschreibungen, die einem beim Anblick unserer drei Helden als erstes in den Sinn kämen. Auch der Anlass ihres Kommens ist wahrhaft kein ehrenhafter. Einzig Tullia, die mit ihrer Schönheit den Gesamteindruck hebt, wirkt auf eine fragile Art respektabel, wie es Schön-heiten wohl schon immer getan haben. Aber „Ehre“, „werte Herrschaften“, doch wohl eher nein.
„Also“, fängt Gregor an zu stottern, „also, also, also folgendes… Wissen Sie, ich schulde meinem Vermieter noch etwas Geld, war länger krank, wissen Sie, ein paar Monatsmieten sind da zusammengekommen, lag nicht an einem Zahlendreher oder so, konnte einfach nicht mehr zahlen, war arbeits- und zahlungsunfähig, wusste nicht, wohin mit mir, habe daraufhin einfach die Mietzahlung eingestellt, wollte schnell wieder auf die Beine kommen und so, hat dann aber nicht geklappt, kam einfach nicht mehr hoch, hab mich nicht mehr hochgekriegt sozusagen, quasi, gewissermaßen, war wie gelähmt, erst einen Monat lang, dann zwei, dann immer mehr, ging irgendwie nichts, weder vorwärts noch rückwärts, war einfach nur paralysiert, 43 Monate lang, bis ich Tullia hier kennengelernt habe, sie ist Therapeutin, therapiert mich jetzt, hilft mir, wieder auf die Beine zu kommen, wissen Sie, wir stehen zwar erst am Anfang, aber ich bin ganz zuversichtlich, das wird jetzt wieder, schnell, sicher sehr schnell, und die Wohnung, ja, die würde ich gerne behalten, nicht zuletzt auch der schnellen Genesung wegen, wissen Sie, so ein Wohnungswechsel wäre jetzt sicher fatal, wäre sicher heilungshemmung, dann kämen gleich noch mal 43 Monate drauf auf die Rekonvaleszenz, und wo sollte ich in der Zwischenzeit denn wohnen, auch so ein Gerichtsverfahren, ich meine, bei mir ist ja nichts zu holen, auch nicht vom Gericht, hab ja nichts mehr, Mutter und Vater sind im Altersheim, Opas und Omas gestorben, Erbe war nicht groß, ist auch schon verbraucht, war ja lange krank, wissen Sie, depressiv und so, traurig, ausgebrannt, sinnentleert, jahrelang ohne Sexualkontakte, nur Onanie, wissen Sie, wie das ist, sich jahrelang immer nur selber einen runterzuholen, schiete ist das, das können Sie mir glauben, dann die lange Zeit, wo ich nur noch betrunken war, von morgens bis abends, nur noch Alkohol getrunken habe, morgens drei Bier, mittags Kümmel und Wodka, abends Wein und Schnaps und noch ein paar Bier, das war nicht schön, sage ich Ihnen, und jetzt will mein Vermieter, Mosch Baront, oder wie der heißt, mich aus der Wohnung klagen, wenn ich ihm sein Geld nicht zahle, 29.240 Euro, sechs Wochen hab ich Zeit, ihm sein Geld zu zahlen, aber ich hab das Geld doch nicht, ich war doch krank und hab alles, was ich auf der hohen Kante hatte, schon längst aufgebraucht, das Geld von Oma Berta, das Erbe von Opa Kaminski die Geburtstagsfuffies von Onkel Ortfried, die ganzen Erlöse der Flohmärkte, auf denen ich meinen Kram verkauft hab, den Lottogewinn in Höhe von 232,40 EUR, vier Richtige plus Superzahl, das Geld vom Betteln am Berliner Dom, am Reichstag und in der S-Bahnlinie 1, das Arbeitslosengeld, die Sozialhilfe, der Wohnungszuschuss, die Essens- und Kleidermarken, alles weg, weggefressen und weggesoffen, hab ich das, war doch krank, psychisch völlig desolat und nicht mehr zurechnungsfähig, ich weiß eigentlich gar nicht, wieso mich da keiner eingewiesen hat in der Zeit, Marco, das hättest du doch tun müssen, ich war doch völlig verwahrlost und runtergekommen in der Zeit, wieso hast du mich da nicht eingewiesen, in eine schöne Klink am Meer, an der Ostsee oder auf Rügen, das wäre doch die Lösung gewesen, aber egal, hatte sicher seine Gründe, jedenfalls hab ich kein Geld nicht und soll jetzt welches haben, weil ich sonst aus der Wohnung muss, raus auf die Straße, zu den Obdachlosen und Pennern, unter die Brücke, zu den Chlochards, auf Parkbänke und Treppen, wie streunende Hunde, auf den Strich, wie Huren und Nutten und Stricher und Junks, und das, wo ich doch studiert hab und nie Drogen genommen, einfach nur kein Glück hatte, sondern immer nur Pech, ganz schnell geht das dann, das mit dem Abstieg, mit dem Sichrunterwirtschaften, ganz schnell geht das, wissen Sie, erst lachen Sie noch und denken, na gut, passiert jedem Mal, dass etwas nicht klappt, beim nächsten Mal wird’s sicher klappen, aber dann klappt es wieder und wieder nicht, mit dem Job, bei den Frauen, beim Onlineflirt, dann kommen erste Selbstzweifel auf, dann erste Depressionen, Suizidgedanken, Alkohol, alles egal ist Ihnen irgendwann alles, alles einfach nur noch egal, egal, illegal, scheißegal, Sie bleiben einfach im Bett und dröhnen sich zu, bleiben Tag und Nacht liegen in Ihrer Pisse und Scheiße, glotzen Videos in stinkenden Jogginghosen, im Unterhemd, mit der Pulle im Arm, alles bleibt liegen, in der Wohnung, Ihrem Leben, Sie werden zum Messi, Verpeiler hoch zehn, verlieren alle Freunde und Bekannten, keiner schert sich mehr um Sie, nur noch der Dreck und Müll und die Verkrustungen sind da, wuchern über Sie drüber, spinnen Sie ein in einen Kokon aus Watte, Dämmer, Fühllosigkeit, spiderman is having me for dinner tonight, und die Kruste wird hart und härter, wird zur Festung, zur Burg, zum ausbruchsicheren Kerker, ohne Wärter, ohne Freund, einfach nur Sie und das Dunkel, die Leere, das Nichts, Einzelhaft, Kerkerhaft, Isolierhaft, schmerzhaft, nur Sie selbst und ihr Herzschlag, dieses müde, lebensmüde Herz, wie es pocht und nicht aufhört, wie es schlägt und kämpft und nicht aufgeben will, 43 Monate lang, 43 lange Monate lang, kämpfend und schlagend, es kaum ertragend, die Stille, Einsamkeit, den pochenden Schmerz…“
„Sie armer Mensch“, unterbricht ihn da Johnny, tränenüberströmt, und nimmt ihn in den Arm, küsst ihn auf die Wange, streichelt Gregors Gesicht. „Machen Sie sich keine Sorgen, wir regeln das! Wir sind doch alle nur Menschen, sowas passiert halt mal. Dagegen ist niemand versichert, nicht wahr, es gibt ja so vieles, was einen aus der Bahn werfen kann.“
„Ach danke, Sie sind ja zu gütig!“, wundert sich Gregor.
„Aber nein, ach iwo, das ist doch selbstverständlich! Sie haben das ja nicht mutwillig gemacht, da muss man mal ein Auge zudrücken, Fünfe gerade sein lassen, nicht wahr, lässt sich doch alles regeln. Wir sind ja keine Unmenschen! Im Gegenteil, Gutmenschen sind wir, echte LOHAS, wissen Sie? Für Fälle wie Ihren haben wir doch vorgesorgt. Null problemo! Wissen Sie – das muss jetzt aber unter uns bleiben, sonst nutzen das alle gleich aus – wissen Sie, dass es bei der M.B. Hausverwaltung einen Sozialfonds gibt? Ja ja, da fließen jeden Monat 0,5 Prozent jeder Miete eines jeden Mieters ein. Und wenn einer mal nicht zahlen kann, dann nehmen wir das Geld einfach aus diesem Fonds und zahlen es an ihren Vermieter. Ist das nicht toll? So einfach kann das Leben sein! Und Sie dachten, Sie müssten auf die Straße – oder gar ins Ausland, unter neuer Identität, nicht wahr? Papperlapapp! Ein paar kleine Formalitäten und Sie können ihr Leben wieder schuldenfrei weiterleben! Wieviel, sagten Sie, schulden Sie Ihrem Vermieter?“
„43 Monatsmieten. 29.240 Euro, Señor…“
„Oho, kein Pappenstiel, nicht wahr. Sowas hatten wir hier auch noch nicht, und wir hatten schon einiges hier, nicht wahr… Aber das regeln wir gleich. Wie, sagten Sie, war doch gleich ihr Name?“
„Kaminski“, antwortet Gregor. „Gregor Kaminski.“
„Gregor?“, stammelt Johnny und wird abermals von blitzenden Schmerzen durchzuckt. Gregor, das war sein Stichwort, sein Hypnose-Code. Auf dieses Wort, diesen Namen, hin, war er getrimmt. Wie ein Werwolf, Dr. Jeckyll, verändert er plötzlich sein Wesen, wird groß und mächtig, grün und beträchtlich, platzt förmlich, aus allen Nähten, wird hässlich und grässlich, ein Monster aus Fleisch, ungeheuerlich schielend aus leuchtenden Schlitzen, bereit, unseren Gregor aufzuschlitzen, eine Fratze nur noch, ein monströses Gedärm, aus stinkenden Mäulern macht es höllischen Lärm, wuchtig sich hebend, titanisch sich reckend, gigantische Krallen nach Gregor streckend, wild sich schüttelnd, kaum überraschend, mit blasswidrigen Greifern nach Gregor haschend, es brüllt, das Untier, die Kreatur, ach, wo ist der Ausgang nur? Drum schielt man nach draußen – dort, weil er muss, sitzt Wilhelms Umriss in einem Busch. Doch Wilhelm ist eine Hilfe uns nicht, weshalb es nicht endet, das Schauergedicht.
„Oh mein Gott!“, schreit Tullia.
„Oh mein Gott“, Gregor schreit.
Marco macht sich zum Flüchten bereit.
Zum Fenster, dem vergitterten eilt, er hastig und fluchend, doch ist es verkeilt.
Auch Gregor, sonst dröge und lahm und verpeilt, nicht länger an seinem Standorte weilt. Zur Tür zieht es ihn, am Sudoku vorbei, dem Tangram-Rätsel und der Origami-Knobelei, übers Minenfeld, den Todesstreifen, vor Aufregung gar kriegt er nen Steifen, trinkt zur Beruhigung noch ein Schlückchen Absinth, dann vollen Mutes durchs Karnivorenlabyrinth, den digitalen Keuschheitsgürtel nimmt er im Gehen und er bleibt auch an der Stechuhr mitnichten stehen. Jetzt nur noch durch die Laserschranke, denkt Gregor, doch da packt ihn die Pranke des Johnny the LOHAS Alter Egos, reißt vom Ohr sich das O und vom Zeh sich das Z los, und ha! ist gefangen nun nimmermehr, doch das Monster hetzt weiter hinter ihm her. Auch Marco und Tullia folgen ihm nun, was sollen sie auch anderes tun, denn nachdem sie erfolglos nach Fluchtwegen fahndend, die vier Sekretariate im Dunkeln erahnend, den Warteraum und das Chefbüro filzten, sahen sie nun ihre Chancen schmilzen, einen Ausweg zu finden, der, ohne Bedrängnis, sie führt aus dem Hausverwalter-Gefängnis. Doch Gregor sitzt jetzt schachmatt in der Falle, verschlossen sind Tür und Eingangshalle, derweil das Monster nähertrampelt, gefährlich mit den Beinen strampelt. Mit dem Rücken an der Wand, hält Gregor schützend seine Hand: vors Gesicht und rührt sich nicht. Dabei lugt das Armband unter seiner Jacke hervor. Johnny the Monster wirbelt empor, schreit, kreischt Zeter und Mordio, brüllt, gellt, schimpft und plärrt, als würd’ er in sich eingesperrt. Das Monster weicht krakeelend zurück, und, welch’ ein Glück, berührt mit dem Finger den Abrucksensor, klatscht mit dem Auge gegen den Iris-Scanner, prankt mit der Pranke den Türöffner-Code, derweil ihm die Magnetkarte aus der Hosentasche fliegt und sich wie durch ein Wunder durch den Kartenschlitz schiebt.
Gregor ist frei! Auch Marco schafft es hinaus mit letzter Kraft.
Nur Tullia drinnen gefangen bleibt: Das Monster hat sie sich einverleibt.
„Das Weib bleibt bei mir, als Kauziohn, bis ihr bringt mir nach Nuviana den Finderlohn: die 43 Monatsmieten! Und nun macht fort euch schnell, ihr Nieten!“
Damit schlägt Johnny the Monster die Tür hinter sich zu und lässt Gregor und Marco zutiefst verwirrt, schockiert und traumatisiert am Hintereingang stehen.