6. KOSMOPROLLISMUS MEETS KARMAKONSUM

Johnny the LOHAS war auf dem Weg zu seiner Arbeit als Storyteller im Planetarium Prenzlauer Berg, als ihn ein polymorph pervertierter Gyrosstrahl an seiner linken Schläfe traf. Gyrosstrahlen werden, wie jedes Kind weiß, von Aliens entlegener Dimensionen dazu verwendet, andere Aliens mittels Telecontrolling fernzusteuern. Wie genau dies funktioniert, ist uns Erdlingen bisher nicht gelungen zu entschlüsseln. Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass Telecontrolling-Vorfälle eher selten, Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen, noch seltener, und Koinzidenzen, bei denen Telecontrolling-versierte Wissenschaftler auf einen Telecontrolling-Vorfall stoßen, mit der Wahrscheinlichkeit von 6ern im Lotto vorkommen. So auch in diesem Fall, bei dem es zufällig Johnny the LOHAS traf.
Johnny the LOHAS heißt Johnny the LOHAS, weil er Johnny heißt und ein LOHAS ist. Mit den LOHAS wird ein Lebens- und Konsumstil abgegrenzt, der sich an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientiert. Das Akronym LOHAS steht für „Lifestyle of Health and Sustainability“ und hatte laut Google Trends seinen Höhepunkt im deutschsprachigen Raum um das Jahr 2010. LOHAS finden sich in allen Altersstufen, Frauen dabei deutlich in der Überzahl. In der Regel haben sie eine höhere Schule besucht und überdurchschnittlich oft auch ein Studium absolviert. Sie arbeiten meist in gehobenen Berufspositionen, häufig als leitende Angestellte, höhere Beamte oder in freien Berufen. LOHAS verdienen überdurchschnittlich gut und denken zukunftsorientiert. Ihr Wertekosmos wird vom Streben nach sozialem Ausgleich und dem Streben nach persönlicher Autonomie geprägt. Sie legen Wert auf vielseitige soziale Kontakte. Spiritualität und Religion spielen eine große Rolle. Wichtig sind ihnen auch Naturerfahrungen, Bildung, Kreativität, Abwechslung und nicht zuletzt die Fähigkeit, das Leben zu genießen. Sie interessieren sich für Naturschutz, Fragen einer gesunden Ernährung und gesunden Lebensführung und beschäftigen sich mit medizinischen Fragen. Der Konsumstil der LOHAS ist wertegebunden, zugleich aber pragmatisch. Über Verzicht wird er nicht definiert. Auffallend ist die überdurchschnittliche Genussorientierung sowie die hohe Qualitäts-, teilweise auch Luxusorientierung. In vielen Bereichen ist ihre Ausgabebereitschaft überdurchschnittlich. Bei bestimmten Produkten sind sie bereit, für das Beste vom Besten viel Geld auszugeben. Die Mehrheit der LOHAS ist umfassend printaffin; vor dem Fernsehgerät verbringen sie vergleichsweise wenig Zeit.
Wie gesagt, Johnny the LOHAS heißt Johnny the LOHAS, weil er Johnny heißt und ein LOHAS ist. Bei seiner Arbeit als Storyteller im Planetarium Prenzlauer Berg sagt er Sätze wie „Das metaphorische Bild des Himmels begleitet die Menschen seit Anbeginn der Zeit auf ihrer Suche nach Trost und Hoffnung. Weltliche Erscheinungen wie die des Sonnenaufgangs, der Nacht oder der Sternenbilder sind dabei eng verwoben mit mystischen Motiven, Prophezeiungen und der Verheißung nach Frieden und Erlösung.“ Diese Sätze gehen ihm nicht leicht von der Zunge, weil Johnny the LOHAS kein Intellektueller ist. Johnny the LOHAS tut nur gerne so, als wäre er top-gebildet und wüsste Bescheid. Besonders bei Frauen. Frauen, die selber LOHAS sind, im Biomarkt einkaufen und untenrum nach frisch gemähter Blumenwiese duften. Die findet Johnny the LOHAS dufte und legt sie gerne nach den musikalisch untermalten, audiovisuellen 360-Grad-Fulldome-Vorführungen mit solch klingenden Titeln wie „Planet Ozz“, „Auf zum Sirius“, „Chaos and Order“ oder „Le Voyage Abstrait“ in seinem Heimplanetarium drei Straßen weiter südöstlich flach. Ein flegelhafter Flagellant, lässt Johnny the LOHAS nichts unversucht, seine Opfer nicht nur zu penetrieren, nein, auch Demütigung und Züchtigung stehen auf seinem Privat-Programm „Pornorama ohne Karma“. Kosmoprollismus also vom Feinsten. Was soll man auch schon erwarten von Leuten, die Johnny the LOHAS heißen und Storyteller im Planetarium sind…
Johnny the LOHAS also, den trifft dieser Gyrosstrahl nun plötzlich und ganz unvermittelt auf dem Fahrradweg, obwohl Johnny the LOHAS dort nur zu Fuß unterwegs ist, an seinem schnuckeligen Johnny the LOHAS LOHAS-Köpfchen. Da, wo sonst kaum Gedanken sind, sind nun plötzlich ganz viele, irgendwie überirdisch-unmenschlich viele. Polyphon. Kakophon. Misanthropisch. Pschybrschftlonisch. Eine Botschaft? Nein, viele! Gleichzeitig! Amorph. Amourös. Amoralisch. Obszön! Nein, doch nicht! Eher summend, brummend, lautstark verstummend, sich illegal mit sich selbst vermummend, opiumnös, kokainisch, methamphetaminal, karidontös. Konvex-konkave Sinuswellen. Irisierende Stromschnellen. Heiser klackernde Handschellen. Über hundsgemeinen Türschwellen. Ein Alptraum aus Sound, Dolby-Surround. Mono-dual. 133bpm bei 33rpm. Scratching. Snoring. Barking. Kaaaaakooooophooooniiiiieeee…. die ihm plötzlich ganz klar und deutlich vernehmbar gebietet: „Du machst jetzt alles, was wir dir sagen, und stellst keine Fragen, sonst töten wir Matze, deinen Mops.“ „Alles klar“, sagt Johnny the LOHAS, und geht leicht stieren Blickes weiter Richtung 360-Grad-Fulldome-Arena im Groß-Planetarium, plötzlich ganz glaubhaft selbst davon überzeugt, kein Storyteller mehr zu sein, sondern ein – Hausverwalter.
– Alter! Was geht? raunzt ihn ein Junger an. Runter vom Radweg!
Hach, Berlin. Immer ein freundliches Wort auf den Lippen, die Leute.
– Oh, ja, Entschuldigung! stottert Johnny the LOHAS und hoppst mit einem Hopps zur Seite, auf den Fußgängerweg, dann an der Ampel husch husch bei Rot über die Diesterwegstraße und rein in den Park, den geschwungenen Weg entlang zum Haupteingang des Planetariums, der Himmelspforte, die von oben betrachtet (vgl. https://www.google.de/maps/place/Zeiss-Großplanetarium/@52.5431899,13.4273841) aussieht wie ein notgelandeter Riesentrilobit, der mit seinem Patschehändchen einen Ammoniten am Schlafittchen packt, tatsächlich aber nichts anderes ist als ein von den Russen 1987 dort abgestellter Weltraumflitzer unbekannten Ursprungs, dessen kugelförmige Passagierkabine mit einem Innendurchmesser von 23 Metern 307 Unisex-Sitzplätze für Aliens diverser Größe, Bauart und Geschlechtlichkeit aufweist und heute mithilfe eines großzügigen Foyers samt Café und Exponaten sowie einem Kinosaal mit 160 Plätzen (die ehemalige Kommandobrücke) von seiner ursprünglichen Funktion als Erkundungssatellit nicht-humanoiden Ursprungs ablenkt, eine grotesk-klamaukulöse Camouflage gewissermaßen, wie viele andere Weltraumobjekte, die man zwecks Upcycling – und damit völlig dem LOHAS-Mindset entsprechend – weltweit einfach als „Architektur“ in die Erde rammt, weil man einfach nicht mehr weiß, wohin mit dem ganzen Schrott, der da vom Himmel fällt und sich jeder Spekulation über extraterrestrisches Leben entzieht, da völlig offensichtlich nicht von dieser Welt. Oder was haben Sie gedacht, woher Bauten wie der Eiffelturm, die Cheops-Pyramide, Burj Khalifa, die Oper in Sydney, das Taj Mahal, die Himmelspagode, das Guggenheim in New York und Bilbao, das Shanghai World Financial Center, die Kaaba, das Chrysler Building, der Kreml und Schloss Neuschwanstein stammen? Aus den Köpfen irdischer Architekten etwa? Wachen Sie auf! Die Welt ist längst unterminiert und infiltriert von allerlei Weltraumgesindel und Planetengesocks. Die sind schon so lange hier und haben sich schon so tief und fest in unsere Welt verbissen, wie Läuse in unsere Kopfhaut, wie Milben in unsere Schuppen, wie die Krätze in unsere Haut, da hilft auch kein Reinemachen mehr, keine Säuberungswellen, keine Antibiotika, Homöopathie oder Hexerei, kein Gift, kein Weihwasser, kein Exorzismus, kein DDT, keine Regentänze, A-, B- oder C-Waffen, kein Wegargumentieren, Hinausbeschwören, Leugnen, Heilen, Beten, Fasten, Kurieren, Therapieren, Ignorieren, Sabotieren und Dekonstruieren, keine Psalmen, Litaneien oder Suren, keine Bestechung, kein Schmiergeld, keine Incentivierung, kein Nichts. Nur noch banale Selbstzerstörung oder triviale Autophagie. Hip Hop vielleicht. Oder Gangsta Rap. Mit Scratching und Backspin, Beatboxing und Bling-Bling. Performed von Wankstern und Whiggern, echten Wannabe Digga’n. Yo! Thumbs up! Let’s hate, diss & bang die Alien Opfa. (Kleener Bitchmove am Rande, is’ doch keene Schande!) Oder Techno. Electro. Progressive House vielleicht und Trance, Goa, Dubstep, Big Beat und Acid, Two Step vielleicht oder Detroit, Tech House und Speedcore, Drum&Bass vielleicht oder Noise, Schranz und Gabber. Vielleicht wäre das die Lösung? EBM. Industrial. Rave. Müsste man testen. Build, Measure, Learn: The Lean Alien Banishment. Im Klartext: Verpisst euch, ihr Zecken!
Johnny the LOHAS, um all das nicht wissend, es nicht einmal ahnend, antizipierend oder herbeiphantasierend, betritt nun das Planetarium, schnellen Schrittes, am Hintereingang. Die Magnetkarte in der Hand, den Türöffner-Code tippend, vorbei am Iris-Scan, der Stechuhr, dem dreifach gesicherten Zahlenschloss, der Laserschranke, dem digitalen Keuschheitsgürtel und dem Fingerabdrucksensor, schnell durch das Karnivorenlabyrinth, über das Minenfeld, dann mit der Linken das Bramahschloss und der Rechten das Chubbschloss öffnend, Rubik’s Cube und das Moskau-Puzzle bezwingend, den Todesstreifen der Berliner Mauer durchpflügend, dabei die Kugeln des Cäsar verschiebend, zwei Sudokus mittleren Schwierigkeitsgrades lösend, Tangram-Enten und -Elefanten legend, Origami-Schwäne und -Stoßzähne faltend, noch kurz den Tresor mit dem Hausschlüssel knacken und rein in die gute Stube, die Johnny the LOHAS via Bluetooth und personaliserter Barcode-App zack zack von innen schnell wieder verriegelt. Etwas nervig, die neuen Sicherheitsbestimmungen, findet er, aber nun gut, man gewöhnt sich an alles. Selbst an Karnivoren.
Hach, schön, so ein Hausverwaltungsbüro im Planetarium, denkt er. Und denkt, dass er ein Schild braucht mit einem Logo drauf: M.B. Hausverwaltung. Und eine Klingel. Und Kugelschreiber. Und Briefpapier. Visitenkarten. Und Luftballons. Tassen. USB-Sticks. Schlüsselanhänger. Einen Flyer. AGBs. Ein Diplom an der Wand. Einen Wasserspender. Ein paar Stühle. Für den Warteraum. Und ein Nummernziehdingsda. Eine Sekretärin. Nein, lieber zwei. Eine blond und eine brünett. Oder drei. Noch eine Rothaarige dazu. Im Flotten Dreier gibt’s die sicher billiger, denkt er sich. Und schmunzelt. Grinst. Grient. Kugelt sich. Vor Lachen. Und Hu-Hu-Husten. Kurzes Prusten. Aber schon schön so, sein eigener Chef zu sein, mit eigenem Büro. Und vier Sekretärinnen (eine Schwarzhaarige noch, gratis on top), vier Engel für Johnny, denkt er und pru-hu-stet wieder. Dann, mit einem Ruck, reißt er sich zusammen, steht stramm, voller Sendungsbewusstsein. Und voll auf Sendung. Denn da sind sie wieder, die Stimmen in seinem Köpfchen, die suggerieren, manipulieren, säuseln und summen, die flüstern und kreischen, zum Hirnfleischerweichen: „Johnny, wenn nachher ein Gregor kömmt, mach ihn fertig, lass ihn nicht gehen! Er schuldet unserem Boss, Moshe Bryant, noch 43 Monatsmieten. 29k. Und der Boss will die Kohle. Schnell. Ohne Wenn und Aber. Sonst gibt’s kein Pardon!“ „Jawoll, Chef!“, sagt Johnny the Remote-Controlled (der mental ferngesteuert kaum noch ein LOHAS ist). Als es an der Tür klingelt. Ein erster Kunde, Klient, Mandant. Let’s open and see…