3. VON WEGEN CÔTE D’AZUR

Es gibt Tage, da denkt man an die Côte d’Azur der 60er Jahre, so wie man sie eigentlich nur noch aus Filmen kennt, an die Häfen mit ihren eleganten Yachten und Yawlen, ihren smarten Restaurants und launischen Bars. Man denkt an amerikanische Cabrios, die stolz über die Boulevards gleiten in Nizza und Cannes, mit Frauen darin, die helle Kopftücher tragen und dunkle Sonnenbrillen, züchtige Blusen und Petticoats. Man denkt an Francoise Sagan mit ihren schönen, zarten, nackten Füßen oder den jungen Alain Delon, mit freiem Oberkörper und eng anliegender Hose in sommerlichem Weiß. Und dann schaut man aus dem Fenster, wo es regnet und fünfzig Jahre später ist, und man wünscht sich zurück in seinen Film, seine Welt, sein Bett oder seine Mutter, wünscht sich, nie geboren worden zu sein oder eben früher, noch rechtzeitig für den großen Coup an der Côte d’Azur.
Hatte sich Marco soeben noch gefühlt, als wäre das Leben ein Geschenk und Tullia das rosa Schleifchen am Geschenkpapier, dann fühlte er jetzt, wie sich der Boden unter ihm auftat und ihn mit der Wirklichkeit und seinen Sorgen konfrontierte. Nicht nur musste er Tullia dazu bringen oder sie darin bestärken, sich in ihn zu verlieben. Auch war die Frage: Wie sollte er seine Wohnung halten angesichts der höher werdenden Mieten und seines immer deutlicher werdenden Unvermögens, mit seiner wahren Bestimmung Geld zu verdienen. Marco wollte Schriftsteller werden, aber seine Schreibversuche endeten meist kläglich nach fünf oder zehn Seiten, die zwar sprachlich gelungen, inhaltlich aber derart belanglos waren, dass er selbst keine Lust hatte, sie noch einmal zu lesen.
Und jetzt auch noch Gregor. Der in der Tür stand. Und ihn an seine eigene Unfähigkeit erinnerte. Gregor war eigentlich sein Freund. Zumindest war er es irgendwann einmal gewesen, als Gregor noch Durchschnitts-Gregor und nicht Durchschnittsloser-Gregor war. Seit Gregor jedoch immer offensichtlicher am Absteigen war, hatte sich Marcos unbewusster Selbsterhaltungstrieb eingeschaltet und immer öfter Ausreden gefunden, um keine Zeit für seinen derangierten Freund haben zu müssen. Jetzt stand Gregor in der Tür und Tullia war da. Und die Situation verlangte eine Entscheidung. Der Zwang zur Konfiguration machte auch an seiner Tür nicht Halt.
– Was hat er denn geschrieben, dein Vermieter?
– Dass er mich kündigt und ich ihm noch 43 Monatsmieten schulde.
– 43 Monatsmieten? Donnerwetter! Komm rein. Willste ‘nen Schnaps?
– Schnaps wär’ gut. Haste Besuch?
Gregor zeigt auf die Unterwäsche, die noch rund ums Sofa verstreut liegt.
– Ja, ähm, Frauenbesuch. Reiß’ dich zusammen. Ich kenne sie erst seit gestern. Aber sie ist großartig! Tullia heißt sie. Sitzt auf’m Balkon. Wir frühstücken noch…
– Ich kann auch später kommen…
– Nein nein, schon gut. Komm rein jetzt.
Kommt er also rein, der gute Gregor, und geht raus zum Balkon. Hinterher ihm fahrig der fantastische Marco, die Schnapspulle in der Hand.
– Hallo, ich bin Gregor.
– Tullia, hallo.
– Musste mal kurz unter Menschen.
– Aha. Ist was passiert?
– Naja, nicht viel eigentlich. (leise) Passiert ja eh nie so viel.
– Das heißt…?
– Mein Vermieter schmeißt mich raus.
– Wow. Wieso?
– Schulde ihm noch 43 Mieten.
– Respekt! Darauf sollten wir anstoßen!
– Genau das hab ich auch gesagt!
Trinken die Drei also in der Früh erst mal nen Schnaps. An einem Donnerstag! Muss denn keiner von denen arbeiten? Typisch Berlin!
– Erzähl doch mal. Wie geht’s dir denn damit?
– Das klingt jetzt aber sehr therapeutisch…
– Yep. Damit liegst du nicht falsch. Ich bin Therapeutin.
– Was kostet denn die Stunde bei dir? Und kann man da anschreiben? Bin gerade nicht so gut bei Kasse. Schulde so nem Miethai noch ein paar Mäuse…

Ob das wohl normal ist, fragt sich Marco, dass sich wildfremde Leute anderen wildfremden Leuten einfach so anvertrauen. Denen ihre Lebensgeschichte erzählen. Einfach so. Und was macht das aus Tullia plötzlich? Eben noch die Seine in spe, jetzt plötzlich verfügbar für seinen Depri-Nachbar, seine neurotische Hausgemeinschaft, die egomanischen Straßenbewohner, die psychotischen Kiez-Alkis, die seelisch kranken Vertreter aller 190 Völker, Sprachen und Nationen in Berlin, für das linke und rechte Deutschland, die manisch-depressive Weltgemeinschaft sowie alle 769 bekannten extraterrestrischen Asperger-Autisten zwischen Mars, Venus und UDFy-38135539 (mit einem Abstand von 30,3 Milliarden Lichtjahren eine der am weitesten entfernten, sichtbaren Galaxien im Universum).

Gregor, seine Chance witternd, dass ihm endlich endlich endlich einmal (nach Jahren der Unsichtbarkeit und Bedeutungslosigkeit) eine FRAU ihre Aufmerksamkeit zu schenken gewillt zeigt, verharrt eine Millisekunde, die ihm wie Äonen erscheint, still und gedankenverloren und wie von einer schweren Last befreit, nimmt noch einen Schluck vom Schnaps, lehnt sich zurück und beginnt zu erzählen:

– Irgendwie fühle ich mich seit geraumer Zeit, insbesondere in den letzten drei Jahren, wie von einer schwarzen Wolke überschattet. Natürlich waren die letzten zehn Jahre insgesamt recht deprimierend, aber seit drei Jahren läuft so ziemlich gar nichts mehr: Krankheit, ein Gefühl permanenten Ausgelaugtseins, ein chronischer Mangel an positiven Gefühlen, das Scheitern aller meiner Beziehungen und nicht zuletzt das sich steigernde Gefühl omnipräsenter Angst, d. h. eine Unsicherheit gegenüber allen sozialen Kontakten. Depression und Einsamkeit – intellektuell wie physisch. Und immer wieder die Erfahrung, nirgends zuhause zu sein, schon gar nicht in dieser Welt…

Tullia lehnt sich jetzt auch zurück, professionell und autoritär. Ein kurzer Blick auf die Uhr, um zu wissen, wann die Probestunde zu Ende ist. Dann wieder ganz Ohr.

– Die größte Angst, die mich plagt, ist wahrscheinlich die, dass sich das alles nicht mehr ändert. Dass ich machen kann, was ich will. Vor ein paar Jahren war da noch die Hoffnung, dass ich meine Probleme anpacken kann, sie lösen kann. Diese Hoffnung ist immer mehr geschwunden. Früher dachte ich: Nur noch dieses Studium zu Ende bringen, dann bist du endlich frei und kannst machen, was du willst. Es gab ein klares Ziel. Jetzt, nachdem die Ziellinie bereits seit Jahren überschritten ist, ist alles noch genau so unklar wie es vorher war. Nur, dass diese Erfahrung als weiterer Minuspunkt in meine Bilanz eingegangen ist…

Jetzt ist es Marco, der sich neu einschenkt, sich zurücklehnt, die Beine übereinanderschlägt und sich noch eine anzündet. Er ahnt: Das kann noch lange dauern.
– Worum geht es überhaupt? Über meinen ewigen Versuch normal zu werden, ohne gewöhnlich zu sein. Ich denke, das trifft es am besten. Normal, aber nicht gewöhnlich. Spaß haben, ohne oberflächlich zu sein. Kritisch zu bleiben, ohne in Depression und Selbstmitleid zu verfallen. Erfolgreich zu sein, ohne die Distanz zum Erfolg zu verlieren. Eine Familie zu gründen, ohne spießig zu werden. Freundschaften zu pflegen, ohne sich selbst zu vernachlässigen. Denken, ohne ins Grübeln zu verfallen. Den Alltag bewältigen, ohne sich von ihm auffressen zu lassen. Die Zeit besser ausnutzen, ohne in Zeitnot zu kommen…

Tullia ahnt nun auch, dass es ein Fehler war, Gregor anzubieten, ihr sein Herz auszuschütten. Wie eine Lawine schießen die Sätze hervor, brechen die Worte über sie herein und reißen sie hinunter in eine öde, deprimierende Gedankenwelt, ein egomanisches Leipziger Allerlei. Aber was fehlt dir denn?, versucht sie zu intervenieren.

– Ich denke, was mir am meisten fehlt, ist die Distanz zu mir selbst. Ich nehme mich nicht wie eine Sache oder ein Ereignis wahr, das sich managen lässt. Das gestaltet werden kann, wie es die Situation verlangt. Nicht, dass ich mich als unflexibel oder festgefahren erlebe. Vielleicht bin ich das ja. Aber ich erlebe jeden Kompromiss, jedes Zugeständnis, als Angriff auf meine Integrität. Es ist die ewige Frage: Wie viel Fremdheit kann ich mir zumuten, ohne meine Persönlichkeit zu verändern? Im Alltag sehe ich da kaum Grenzen. Ich bin begierig auf alles Neue, nehme teil an den verschiedensten Dingen. Außer an denen, die mich partout nicht interessieren, egal, ob aus Erfahrung oder einer dubiosen inneren Gewissheit.

– Wo siehst oder erlebst du denn deine Grenzen?
Tullia bleibt dran. Auch wenn sie noch keine Ahnung hat, wohin das alles führen soll.

– Ich denke, es gibt in mir einen unbewussten Katalog an Dingen, die zu mir passen, und an solchen, die nicht zu mir passen. Eigentlich habe ich ein bestimmtes Bild, oder vielmehr ein beschränktes Spektrum an Bildern von mir, die ich als zu mir passend oder unpassend empfinde. Das ist wahrscheinlich normal und eine Art Schutzmechanismus des Ich. Ich behaupte dabei immer noch, ziemlich komplex veranlagt zu sein – was natürlich zu einigen Problemen führt: Was heute zu mir passt, passt morgen vielleicht schon überhaupt nicht mehr. Leider gilt das nicht nur für Äußerliches, sondern auch für bestimmte Denkrichtungen. Alles bleibt vage und in der Schwebe. Infinit. Ich bin unfähig, den berühmten Punkt zu machen, eine Entscheidung zu treffen, deren Substanz auch morgen oder übermorgen noch Bestand hat. Das ist vielleicht das Traurigste: dieser Mangel an Bestand, Geradlinigkeit, Konsequenz.

– Noch einen Schnaps?
Bringt sich Marco erfolglos ein.

– Die Bedrohung jedenfalls kommt von außen. Von Menschen. Menschen können mich in Frage stellen, sie können mich mit ihren Maßstäben beurteilen, mit Maßstäben, die für mich vielleicht gar keine Gültigkeit, keine Relevanz haben. Umgekehrt beurteile ich Menschen ja auch mit meinem Maßstab und nicht mit dem ihnen gemäßen. Und da beginnt das eigentliche Problem. Die Werte und Eigenschaften, die mir wichtig sind, die ich versuche zu verkörpern, stoßen eher auf Ablehnung als auf Begeisterung. Ergo verstelle ich mich oft, um Menschen nicht gleich zu vergraulen. Nur bin das dann nicht mehr ich. Die Bedrohung ist in diesem Fall also die Ablehnung bzw. die Angst vor der Ablehnung meiner selbst durch andere – die dann ich wiederum ablehne. Es ist so gesehen also nur eine Frage der Kompatibilität. Vielleicht ist es tatsächlich auch nichts mehr.

Gregor macht eine Pause, in der er kurz am Schnaps nippt. Sein Blick geht nach links unten, ein Zeichen dafür, dass er irgendetwas aus seiner Vergangenheit memoriert.

– Ich bin der Mensch geworden, der ich nie sein wollte. Abgesehen von ein paar Dingen wie Samstagmorgens in aller Hektik noch ein paar Lebensmittel zu ergattern und Sonntags lange zu schlafen, habe ich kaum noch etwas mit anderen Menschen gemein. Ich sehe selten fern, hasse Radio, lese keine Zeitschriften. Ich verbringe die Tage damit, aus dem Fenster zu sehen und das Treiben unter mir zu beobachten. Keine besonders spannende Tätigkeit, weil nicht gerade viel passiert da unten. Aber ich erwarte auch nicht, dass viel passiert. Vielmehr ist es beruhigend zu sehen, dass tatsächlich nichts passiert. Ich lebe alleine in meiner Wohnung, empfange keinen Besuch. Vor allem deshalb, weil ich nicht hören will, was anderen so den ganzen Tag lang passiert. Es interessiert mich nicht, wen sie neulich im Bus getroffen haben, und diese ganzen Weißt-Du-was-mir-neulich-passiert-ist-Geschichten. Ich kenne sie auswendig. Ich könnte sie genauso gut erzählen, auch ohne sie jemals erlebt zu haben.

– Langweilst du dich denn?

– Ob ich mich langweile? Nein. Ich denke ja gerade darüber nach, ob es so etwas wie Langeweile überhaupt geben kann. Per definitionem, meine ich. Wieso sollte einem die Zeit denn länger erscheinen, als sie tatsächlich ist? Wenn man auf etwas wartet, mag einem die Zeit lang erscheinen. Aber ich denke, man erlebt die Zeit gerade hier in ihrer tatsächlichen Länge, weil man sie bewusst wahrnimmt, weil man sich auf sie konzentriert. Sich die Zeit zu vertreiben, bedeutet irgendwie einen Mord an sich selbst und an der Zeit. Man stiehlt sich selbst die Zeit, anstatt sie in sich aufzusaugen, sie zu genießen und sein Leben zu spüren. Es zu fühlen. Es sich bewusst zu machen. Irgendwann erwacht man aus der Kurzweiligkeit und entdeckt, welche Spuren die Zeit an einem hinterlassen hat.

– Ja, man steht vorm Spiegel und zählt die Falten, die man sonst immer in aller Eile überschminkt hat. Man stellt dann fest, dass man nicht sich, sondern die Zeit geschminkt hat. Sich selbst etwas vorgeschminkt hat. Das Gefühl kenne ich gut…

– Das Inkarnat als Inkarnation der Zeit. Als Zeichen des vorgetäuschten Stillstands. Welch köstlicher Gedanke: die verhinderte Zeit. Ein absolut kleinbürgerliches Bestreben, die Zeit stillstehen zu lassen. Sich mit vierzig vorzumachen, man sei immer noch zwanzig, weil man in der ganzen Zeit zwar gealtert ist, aber nicht gereift. Diese wohl widerlichste Form der Unproduktivität, sein Leben damit zu verschwenden, sich immer wieder vorzulügen, man habe noch das ganze Leben Zeit. Die Schminke als Symbol des Stillstands avanciert damit zum Stillstand selbst und beinhaltet unwiderruflich den Zerfall. In der Schminke verhallt das Carpe Diem.

Kurzes Schweigen. Dann längeres. Dann peinliches Schweigen, unterbrochen von Tullia:
– Und was ist jetzt mit deinem Vermieter? Was hat er denn geschrieben?