2. NIETE OHNE NADELSTREIFEN

Konfiguration! Eigentlich kommt es im Leben nur darauf an: die jeweils richtige Konfiguration – und ein wenig Glück. Dann läuft der Laden! Doch was heißt das konkret – Konfiguration? Wikipedia vermerkt dazu:

Konfiguration (lateinisch con mit, figurare bilden, gestalten, darstellen) ist ein weibliches Fremdwort für Gestalt oder Anordnung (im Sinn von Gruppierung) und bezeichnet:

• Konfiguration (Erzähltheorie), der Plot in der Literaturwissenschaft
• Konfiguration (Mechanik), die Abbildung eines materiellen Körpers in der Kontinuumsmechanik
• Konfiguration (Chemie), die modellierte räumliche Anordnung von Atomen eines Moleküls in der Stereochemie
• Konfiguration (Computer), der Aufbau und die Einstellungen beim Bau von Computern und der Administration von Software
• Konfiguration (Linguistik), eine Gruppe syntaktisch verbundener Wörter
• Konfiguration (Medizin), die Gestalt oder Verformung eines Organs oder Körperteils
• Konfiguration (Astronomie) die Stellung von Gestirnen, beispielsweise des Mondes.

Plot in der Literaturwissenschaft, Stellung von Gestirnen und verdrehte Organe also. Die Konfiguration, um die es uns geht, ist jedoch eine völlig andere. Uns schwebt da eher eine Art metaphysischer Zauberwürfel vor. Dreht man am Würfel, ergibt sich eine neue Kombination aus Farbflächen und damit eine Konfiguration, die anders ist als die vorausgehende. Stellt man sich vor, dass jede einzelne Konfiguration die Lösung für eine spezifische Lebenssituation wäre, dann böte ein solcher Würfel mit 6 mal 9 Feldern 43 Trillionen, 252 Billiarden, 3 Billionen, 274 Milliarden, 489 Millionen und 856 Tausend mögliche Antworten auf alle unsere Lebensfragen. Mehr brauchte es sicher nicht, um die ganze Menschheit mit Glück und Weisheit zu versorgen. Doch leider kann der Würfel nicht zaubern, und die Menschheit bleibt dumm und eifert durchs Unglück.

Im Leben nun, so schreibt Quentin Lobenstein, der Begründer des Konfiguralismus, geht man durch unterschiedlichste Situationen hindurch, die gemeinsam eine Konfiguration erschaffen, die das ganze Leben abbildet. Das Leben ist also eine Kette aus Situationen, die jede für sich das Potenzial hat, die Gesamtkonfiguration zum Ende hin zu verändern. Durch kluge, weise oder einfach zufällig sich als günstig erweisende Entscheidungen beeinflusst das Subjekt sein Leben positiv, während dumme, schlechte oder zufällig sich als ungünstig erweisende Entscheidungen das Leben negativ beeinflussen. In vielen Fällen hat man selbst die Wahl, in anderen ist man als Objekt dem Spiel der freien Kräfte ausgeliefert.

Ein Beispiel: Ein gesunder, in allem als durchschnittlich zu bezeichnender Mann steht auf dem Balkongeländer im 3. Stock, bereit zum Sprung. Wenn er springt, wählt er den Tod oder ein Leben als Querschnittsgelähmter im Rollstuhl. Springt er nicht, wählt er Gesundheit und Durchschnittlichkeit. Soll er springen? Nein, das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie wirkt diese Wahl auf die Gesamtkonstellation seines Lebens? Wenn er springt, endet seine persönliche Lebenskonstellation an diesem Punkt bzw. kurz danach. Springt er nicht, hat er zwar in dieser Situation eine oberflächlich betrachtet positive Entscheidung getroffen, die sich im Nachgang jedoch immer noch als Fehlentscheidung entpuppen kann, etwa wenn der Mann in eine jahrelange Depression abdriftet (begleitet von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Krankheit und sexueller Abstinenz), einfach weil sein Gehirn nicht damit klarkommt, dass sein Träger einfach nur Durchschnitt und Mittelmaß ist, sein Leben unbedeutsam und er keine große Nummer ist, die irgendwann einmal mit einem eigenen, nicht selbst verfassten Wikipedia-Eintrag glänzen darf. Womit wir bereits alles erzählt haben, dessen es braucht, um Gregor vorzustellen sowie dessen kranke, solipsistisch in sich gefangene Gedankenwelt.

Gregor aus dem 3. Stock, eigentlich ein Georg, der es aber hasste, ständig George (eng.), Georges (frz.) oder Schorsch (bayr.) genannt zu werden und sich daher bereits frühzeitig (mit fünfzehn) in Gregor umtaufte, Gregor ist damals nicht gesprungen. Er hatte einfach nicht die Eier gehabt, unten als Matsch auf die Straße zu klatschen. Stattdessen wählte er das Leben, was sich infolge als Fehlentscheidung entpuppte, garniert von einer gehörigen Portion Tristesse, Unvermögen und Onanie. Gregor, könnte man sagen, war inzwischen so ziemlich alles, was man sich unter einem Loser vorstellte. Nicht so ein Totalloser wie die, die meist halb vegammelt und von Krankheit, Sucht und Ratten zernagt in U-Bahnhöfen im Zentrum maroder Metropolen anzutreffen sind. Auch keine Niete in Nadelstreifen, die es immerhin ja schon mal ein Stück auf der Karriereleiter nach oben geschafft hatten. Nein, selbst als Loser war Gregor nur Durchschnitt und Mittelmaß, unsichtbar für andere und nicht der Rede wert. Ein Typ, der so unscheinbar und bedeutungslos war, dass selbst sein Vermieter vergessen hatte, dass es ihn gab, was Gregor die wohl einzig erfreuliche Konfiguration in seinem Leben einbrachte: er nämlich seit Jahren bereits keine Miete mehr zu zahlen angehalten war.
Konfiguration also ist alles im Leben! Und im Falle von Gregor war sie sein Untergang. Sein Verhängnis. Sein Klotz am Bein. Sein Rotz am Ärmel. Seine umgestülpte Epidermis. Sein Lebensgeschwür. Sein. Pech halt. Ecce homo. So Leute gibt es tatsächlich! Mitten in Berlin! In Mitte! Neue Schönhauser! Dort, wo einstmals das Schwarzenraben, prunkvoll und prächtig, gemächlich andächtig, seinen Platz hatte und heute ein Modelabel weilt. Ein Stockwerk unter Marco Pohler. Und Tullia Weinert. Dem Glück in spe. Das frühstückt auf verwelkten Balkonen, zwischen Kräutertöpfen und Flaschenbier, lakonisch das Lukullische ihrer aktuellen Konfiguration genießend – und sich des Potenzials und der zerbrechlichen Zartheit einer gemeinsamen Konfiguration bewusst. Jetzt bloß nix falsch machen! Sonst sind wieder Jahre futsch und verschwendet mit der Suche nach einer weiteren günstigen Gelegenheit und Chance auf eine himmelhochjauchzende Konfiguration. Jetzt bloß nix falsch machen, Leute! Jetzt bloß nix falsch machen!

Als es plötzlich an der Tür klingelt.
Marco löst sich also aus seinem Kuss, seiner innigen Umarmung mit Frollein Tullia, und macht auf. Was er nicht hätte tun sollen.
– Gregor! Was gibt’s?
– Mein Vermieter hat mich angeschrieben…