12. RETOURKUTSCHE „OPERETTEN-COCKTAIL“

Leider war der Aufgang gesperrt. Wegen einer Bombendrohung. Jemand hatte an den S-Bahngleisen einen verdächtigen Koffer abgestellt und anschließend die Bahnhofsaufsicht gewarnt, erklärte der Sicherheitsmann, der gerade dabei war, auch den zweiten Aufgang mit einem rot-weißen Absperrband zu verschließen. Alle Züge – egal in welche Richtung – würden ausfallen. Die Fahrgäste sollten bitte auf Busse und Taxis ausweichen.
„Ausgerechnet jetzt!“, fluchte Marco. „Verdammt!“
Gregor seufzte nur kurz und ließ ein genervtes Knurren vernehmen, dann zog er Marco Richtung Bahnhofsvorplatz, wo die Busse und Taxis standen.
Normalerweise zumindest. Nicht jedoch, wenn die Bahn ausfällt. Der Schienenersatzverkehr war noch nicht eingerichtet (der Alarm war schließlich noch zu „frisch“) und nach 21.00 Uhr fuhren viele Busse mangels Fahrgästen in einem längeren Minutentakt.
Weit und breit war deshalb kein Linienbus zu sehen. Und auch kein Taxi. Die hatten ihnen die anderen Fahrgäste bereits weggeschnappt. Das einzige Verkehrsmittel, das noch auf dem Bahnhofsvorplatz herumstand, war eine bedeppert aussehende Kutsche mit einem noch bedepperter aussehenden Kutscher, gegenüber des Bahnhofs, an einem Seitenausgang des Zoos. „Magischer Operetten-Cocktail“ stand auf der Kutschentür, und der Kutscher hatte etwas von einem Conférencier, der die Darbietungen in einem Varietétheater ankündigte.
„Können Sie uns nach Mitte fahren?“, fragte Gregor.
„Es ist wichtig!“, schickte Marco hinterher.
„Abberrr nattüürrrliieesch! Schteigen Sie ein, Messieurs!“, frankophonte der Kutscher.
Stiegen die beiden also ein und los ging die Fahrt in gemütlichem Trab. Unter der S-Bahn hindurch, über die Hertzallee und Fasanenstraße auf die Straße des 17. Juni. Tolle Sache, seine Stadt mal aus dieser Perspektive kennenzulernen, dachte Marco. Und Gregor träumte von einer Fahrt mit einer heißen Brünetten, die er sofort nach Beendigung der Mission über ein Partnerportal klarmachen wollte.
„Wollen Sie eschde ɔpeʀɛt odärr libberr myzikal, ɔpeʀa ʀɔk oder eigene kɔ͂mpozisjɔ͂?“, fragte der Kutscher in bestem Lautschrift-Französisch.
„Was will er wissen?“, fragte Marco Gregor, sein persönliches Übersetzungstool.
„Na, ob wir gerne eine echte Operette auf der Fahrt hören wollen oder lieber ein Musical, eine Rock-Oper oder eine eigene Komposition“, übersetzte Gregor.
„Ich bin immer für was eigenes. Und du?“
„Ja, ich auch“, sagte Gregor, und zum Kutscher gewandt: „Spielen Sie ruhig was eigenes!“
„Eine särr gute Wahl!“, freute sich der. „Sie werden es nischt bereuen!“
Dann beugte er sich hinunter und fischte eine Kiste hoch mit lauter Kassetten darin. Kassetten! Eine Technologie aus dem letzten Jahrtausend! Konzentriert und zielstrebig kramte er in den Kassetten herum und legte dann eine ins Laufwerk. Marco und Gregor waren gespannt auf den Sound, das leicht metallische Quietschen und Eiern, das ältere Tapes in ausgedienten Kassettenrecordern oft von sich gaben.
„Was bekommen wir denn zu hören?“, hakte Marco nach.
„Eine Überraschunk!“, säuselte der Kutscher. „Watten Sie ess abb!“
Sie fuhren gerade über die Brücke am Charlottenburger Tor, zwischen Einsteinufer und Salzufer, auf der mehrere Baucontainer standen. Die Arbeiter, die dort wohnten, hatten es sich mit Klappstühlen auf der Brücke bequem gemacht, angelten, rauchten oder tranken ihr Bier. Offenbar gab es wieder was an dem Denkmal zu sanieren.
Plötzlich hielt der Kutscher an und die Musik legte los. Laut, durchdringend, in Raumklang. Sie schien nicht aus der Kutsche zu kommen, sondern von überall her: aus den Torbögen am Salzufer, von den Prunksäulen am Einsteinufer, aus einem Subwoofer unter der Brücke, aus den Bäumen, parkenden Autos, vorbeifliegenden Vögeln, von wirklich überall her. Und was sie spielte, kam Marco seltsam bekannt vor. So als drang es aus einer anderen, früheren Zeit an sein Ohr. Es war – einer seiner eigenen Songs, den er mit seiner ersten Band, mit siebzehn oder achtzehn, als Demo eingespielt hatte. Der Sound war satt, ohne zu eiern, und das Rauschen, das sie damals nicht unterdrückt bekamen, war dank modernster Technik offenbar weg-gefiltert. Es hörte sich gut an, verdammt gut sogar! Nur, was hatte es hier, jetzt, auf dieser Brücke und in diesem Moment zu suchen? Und wieso fingen die Bauarbeiter nun plötzlich an, zu diesem Song zu tanzen, sich zu formieren und eine cool-maskuline Performance aufzuführen?
Marco spürte, wie ihm die Knie weich wurden. Genau so hatte er sich das damals vorgestellt, als er eine Rockoper komponieren wollte, ein Konzeptalbum, etwas wie The Wall von Pink Floyd oder Tommy von The Who. Einer der Bauarbeiter, ein hünenhaft großer, muskulöser Schwarzer, schälte sich nun aus der Formation heraus und begann zu singen. Einen Text, den Marco nur allzu gut kannte. Denn er hatte ihn selbst geschrieben. Einstmals. Irgendwann. In einem anderen Leben.

I am the king of the container ghetto
I am everything you want, I am there when you go
To the top, to the bottom, to the ground and to the sky
To you father, to your mother, to your sister and your brother…

Der Schwarze sang mit völlig überdrehter Stimme und ließ den Ghettokönig wunderbar verrückt erscheinen. Er gestikulierte wild mit seinen Händen, zog witzige Grimassen und rollte mit seinen großen, glubschigen Augen, sodass Marco nicht anders konnte, als laut lachend loszuprusten. Nachdem der Ghetto King die Strophe zu Ende gesungen hatte, tanzten sich die anderen Bauarbeiter wieder in den Vordergrund und sangen den Refrain.

In container world, in container world
Where the streets are shit and the kid fucks the kid
In container world all the people are mad
In container world all the people look sad

Dann trat der Ghetto King wieder vor die andern und intonierte mit tiefer, rauer Stimme die zweite Strophe, wieder genauso durchgeknallt wie zuvor. Auch Gregor war begeistert und wippte seinen Kopf im Rhythmus der Musik.

I am a parasite, I am omniscent
I’m the megabrain, I had a vision
With your arms and your legs, with your hands and with your feet
I saw the sweat onto your fingertips, the colour on your painted lips

Danach setzte wieder der gesamte Chor ein und die Arbeiter, die während der Strophe im Hintergrund getanzt hatten, schoben sich nun einer nach dem anderen wieder tanzend und singend in den Vordergrund.

In container world, in container world
All the people look the same and I’m playing my game
In container world you only hear the barrel-organ
In container world is a place that we call boredom

An dieser Stelle setzte ein Solo ein, gespielt von einer schrill klingenden Hammond-Orgel mit Vibrato-Effekt und tüchtigem Delay. Der Arbeiter, der das Ding spielte, wurde von den Tänzern auf einer kleinen, rollbaren Hebebühne um die Kutsche gezogen. Plötzlich sprang auch der Kutscher auf und stimmte in das Hammond-Solo ein. Er hatte sich unbemerkt eine elektrische Gitarre umgehängt und wiederholte, was die Orgel spielte, mit zittrig-schrulligem Wahwah-Effekt. Dann nahm er wieder Platz, als wäre nichts gewesen, derweil die Arbeiter den Organisten in einem Baucontainer verschwinden ließen und der große Schwarze die letzte Strophe sang.

Here is my world, here’s my sugar sugar homeland
Cause my heart belongs to you – that’s the reason on the one hand
On the other I like staring at the people who are wearing
Fishtin shorts and plastic jackets from the dustbins near the depots

Hier rissen sich die Arbeiter ihre Overalls vom Leib und trugen nur noch Lumpen, Fetzen und rudimentäres Zeug, das sie sich aus Baustoffresten zusammengeflickt hatten: Staubige Zementsäcke als T-Shirts, kratzige Abdeckplanen als Hosen, Farbdosen als Schuhersatz, Verpackungsreste als Schmuck. Marco klatschte vor Begeisterung! Genau so hatte er sich die Szene damals vorgestellt! Genau so sollte das alles rüberkommen: schrullig, schräg, grotesk, satirisch. Witzig und verspielt, mit subtil verpackter Gesellschaftskritik.

In container world, in container world
I always have to vomit ’bout the moral crimes I commit
In container world all the people are naked
In container world nothing is sacred

 

 

Kaum hatte der Song geendet, setzte sich auch die Kutsche wieder in Bewegung, weiter auf der Straße des 17. Juni in Richtung Siegessäule. Die Bauarbeiter hatten sich wieder ihre Overalls übergeworfen und waren zu ihren Beschäftigungen zurückgekehrt – angeln, rauchen, Bier trinken, quatschen –, als wäre es das Normalste der Welt, was eben passiert war. Als hätte sich für einen Augenblick, einen kurzen Moment innerhalb der Ewigkeit, eine zweite, magische Realität über die Wirklichkeit geschoben. Die Werbung auf der Kutsche hatte nicht zu viel versprochen. Nur – wie hatte der Kutscher das gemacht?
„Wie haben Sie das gemacht? Und woher haben Sie mein Tape?“, platzte es aus Marco heraus. „Und woher, zum Teufel, wussten Sie, dass die Musik auf dem Tape von mir war? Hier geht es doch nicht mit rechten Dingen zu…!“
„Nadürrliesch geht es ’ier nischd mit reschden Dingen zu!“, lachte der Kutscher lauthals. „’ier geht es midde maaagischen Dingen zu!“, hielt er lachend nach.
„Das war einfach großartig! Fantastisch!“, gestand Gregor.
„Und es kommde noch dollärr!“, versprach der Kutscher mit offensichtlicher Vorfreude.

Wäre der Tag davor nicht wie der Tag davor abgelaufen, hätte Marco sicher an seinem Verstand gezweifelt. So aber staunte er nur über das Erlebte und reihte es ein in die Sammlung an Kuriositäten, die ihm und Gregor seit gestern widerfahren waren.
„Mein Song!“, stammelte er. „Die haben meinen Song gesungen!“
„Und dazu getanzt! Das war cool!“, beglückwünschte ihn Gregor mit einem Schulterklapps.
„Ich muss unbedingt die Band noch mal zusammentrommeln… Wir brauchen ein Revival, ein Comeback… So wie alle großen Bands…“, begann Marco zu fantasieren. „Ich muss ein Musical schreiben! Ja genau, statt Prosatexte muss ich ein Musical schreiben…“
Vor Marcos innerem Auge machten sich opulente Bilder breit: große Bühnen mit hunderten Schauspielern, ein monumentales Bühnenbild mit Pyrotechnik und 3D-Effekt, Hologramme, die über die Bühne tanzten, und in der Mitte er, Marco, am Micro, im Elviskostüm, umringt von Timo, Tom und Toby, seinen ehemaligen Bandkollegen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, warum genau, wusste er gar nicht mehr. Es hatte Streit gegeben, daran erinnerte er sich noch, aber worüber, das war aus seinem Hirn gelöscht. Eine Randnotiz der Geschichte, eine Fußnote in der History of World’s Greatest Bands, wie er fand.
„Ein Musical…“, wiederholte er abwesend, und Speichel tropfte aus seinem Mund.

Inzwischen hatte die Kutsche die Siegessäule passiert und war auf dem Weg zum Branden-burger Tor. Zur Linken das Sowjetische Ehrenmal mit seinen beiden Panzern. Davor zwei späte Joggerinnen im schwarzen Trainingsanzug mit rosa Base Cap. Zwillinge? Etwas weiter vorne, auf dem Mittelstreifen, eine Chinesin, die sich gerade fotografieren ließ. Dahinter, über den Wipfeln der Bäume, der Reichstag, hell erleuchtet, mit strahlender Kuppel. Wie ein riesiges Chamäleonauge schien diese in den Himmel zu blicken. Fasziniert betrachteten Marco und Gregor das Spiel der Lichter auf dem Glas, als sich die Kuppel plötzlich zu ihnen drehte und ihnen geradewegs in die Augen zu blicken schien. Eine Halluzination? Oder einfach nur eine optische Täuschung? Jetzt bewegte sich auch der Rest des Reichtags und ein riesiges Chamäleon zeichnete sich vor dem Hintergrund ab. Sein Bauch und seine Beine waren grün wie der Tiergartenwald, sein Rücken hatte die Farben und Muster des Paul-Löbe-Hauses angenommen, der Kopf war als Fassade des Reichtags getarnt. Was für eine Camouflage! Und was für ein Monster! Riesig, schwerfällig, wie ein Komodo Waran, setzte es einen Fuß vor den anderen und schleppte sich nun zum Pariser Platz. Wollte es im Adlon einchecken? Oder suchte es nur ein neues Versteck? Als es am Brandenburger Tor angekommen war, das jetzt wie ein Couchtisch neben ihm wirkte, drehte es seinen riesigen Kopf zur Seite und fixierte die Kutsche. Marco und Gregor schluckten. Doch das Chamäleon lächelte nur freundlich und begann mit tiefer, geheimnisvoller Stimme zu singen – einen weiteren Song aus Marcos Feder, den er vor gut zwei Jahrzehnten mit seiner Band geschrieben hatte.

Watch the world below
The time runs not too slow
Scratching, scourging my back
Hammering, hurting my legs
We’re playing always the game
Nothing’s touching our shame
Nothing’s running too slow
In the world we’re watching below

Dazu hatte das Chamäleon ein paar slowe moves gemacht und charismatisch seine Arme und Beine bewegt. Große Gesten. Großes Kino. Bedeutungsschwangerer, unheilfroher Blick, während seine Augen asymmetrisch den Himmel absuchten, so als wäre die Gefahr schon greifbar, im Anmarsch, kurz davor, auf es niederzuprasseln, mit Pauken und Trompeten, mit Knüppeln und Gewehren. Ein Geräusch war plötzlich da, unangenehm und kreischend, hässlich-dominant den Himmel zerschneidend. Noch fern und schon schmerzend, kam es näher und näher, wurde größer und lauter, ohrenzerberstend, zwang alle in Deckung, jede Pore erobernd, jede Zelle bezwingend, und machte die ganze Berlin-Welt erzittern. Kampfjet-Dämmerung. Blitzkrieg-Gefahr. Nur der Kutscher fand es wunderbar. Das Chamäleon kreischte, krakeelte rumorend, beschoss speiend mit Trümmern die Kampfjet-Tumoren. Ein Showdown-Spektakel par excellence war es, was man da plötzlich genoss. Godzilla-Chamäleon gegen King-Kong-Düsenjäger. Alien vs. Predator. Derweil das Tierchen kreischte:

Leave your fighter planes
Watch me once again
Leave your fighter planes
Watch me once again
This is not the time
This is not the time

Die Menschen, die sich gerade noch am Brandenburger Tor aufgehalten hatten, hatten sich alle verflüchtigt und heiser schreiend in Luft aufgelöst. Nur eine Frau im rotem Kleid schien keine Angst vor der Situation zu haben und tanzte nun zwischen den Säulen des Brandenburger Tors hervor, schäkerte mit dem Chamäleon und mäanderte sich im Slalom durch dessen Beine hindurch. Dann sang sie mit dünner, trockener Stimme den Refrain…

Chameleonlike skin color’s turning red
Face colour’s staying pale
Chameleonlike skin color’s turning red
Face colour’s staying pale
I’m staying pale

Das Chamäleon und die Frau hatten während des Refrains eine Einheit gebildet, wie ein Liebespaar waren sie umeinander getanzt, sich weltverloren in die Augen starrend. Das Chamäleon hatte seine Farben in schnellem Rhythmus wie eine Discokugel gewechselt. Das rote Kleid betonte die Blässe der Frau. Mit einer Zehe, einem Finger, führte das Tier die Brünette, tanzte Tango mit ihr, gab sich devot. Dann sang es die nächste Strophe.

No feeling when it hurts
You torture me with words
You’re boxing in my face
In my shell-proof hiding place
Leaving me there alone
Starving there with broken bones
Someone heard my last shout
After months of bleeding out

An dieser Stelle kamen die Düsenjäger wieder angerauscht, dröhnenden Schmerz im Gepäck. So nah über sich, war der Lärm der Triebwerke kaum zu ertragen. Das sah wohl auch das Chamäleon so, denn es forderte jetzt mit Nachdruck:

Come on leave your fighter planes
Watch me once again
Come on leave your fighter planes
Watch me once again
This is not the time
This is not the time

Und während die Kampfjets das Tier beschossen, es niederstreckten, zerfetzten mit ihren Raketen und Bömbchen, tanzte die Frau im roten Kleid erst noch mit, dann um das Chamäleon, während der Platz vorm Brandenburger Tor sich rot färbte mit seinem Blut. Mit zerbrechlicher Stimme sang sie erneut den Refrain, mit Tränen in den Augen und gerötetem Blick. Das rote Kleid verlor sich in der Blutlache, verschwand in ihr wie eine Camouflage, die Mimikri der Lebenden vor den Toten. Am Ende des Refrains löste sich alles auf in morbidem Rot. Nur das Zucken des toten Chamäleons zog eine Grenze zwischen here und then.

Chameleonlike skin color’s turning red
Face colour’s staying pale
Chameleonlike skin color’s turning red
Face colour’s staying pale
I’m staying pale

 

 

War das alles wirklich passiert? Lag da wirklich ein riesiges, totes Chamäleon vor ihnen, das beweint wurde von einer Frau im roten Kleid, während sich das Geschwader an Kampfjets, das gerade noch für seinen Tod gesorgt hatte, lautstark nach allen Himmelsrichtungen verschwand? Waren sie etwa schon auf ihrem Trip? Sie hatten sich doch noch gar nichts reingezogen! Aber wie sonst konnte das möglich sein? Marco und Gregor starrten stumm auf den Kadaver, leichenblass im Gesicht und mit trockenen Mündern.
„Oh lala!“, hauchte der Kutscher. „ Quelle tragédie!“

Sichtlich gerührt und mit einer Träne im Auge zog er an den Zügeln und setzte das Gespann in Bewegung. Schweigend und mit pochendem Herzen fuhren sie an dem leblosen Leib vorüber, aus dessen Blutlache sich nun die Frau erhob und ungeschickt ihr Kleid zu säubern begann. Vergeblich strich sie die Falten glatt, aus denen das Blut zu Boden tropfte, zurück in die Lache, wie an seidenen Fäden entlang. Und mit hängenden Schultern und hängendem Kopf verließ sie den Schauplatz, schlurfte zurück, durch die Säulen des Brandenburger Tors hindurch, in dem sie jetzt den Blicken entschwand, eine rote Blutspur hinter sich herziehend.
Alles war still geworden in Berlin.
Kein Laut drang ans Ohr unserer Helden.
Vögel schwiegen, Menschen verharrten ruhig mit tonlosem Schluchzen auf ihren Plätzen, Autos und Busse waren wie abgewürgt. Kein Gaffer versperrte den Sanitätern, die gerade anrückten, den Weg. Kein Paparazzi schoss Fotos. Kein Telefon ging.
Nur das Klackern der Hufe auf dem Asphalt erinnerte unsere Helden daran, dass sie noch lebten, und das leise Rascheln der Blätter, das von den Bäumen im Tiergarten kam, dass auch die Welt noch da war und sie nicht durch ein Vanitas- oder Schlachtenbild trabten.
Der Kutscher war inzwischen in die Ebertstraße eingebogen und steuerte auf den Reichstag zu. Auch hier alles still und stumm und in Schockstarre. Über die Dorotheen- und Luisen-straße setzte er die Fahrt Unter den Linden fort, vorbei an Madame Tussauds Wachsfiguren-kabinett, dem Café Einstein, in dem sich Touristen mit Politikern und Promis mischten, an der Humboldt-Uni und am Staatstheater vorbei, vorbei auch an Zeughaus, Neuer Wache und Kronprinzenpalais, über die Schlossbrücke zum Schlossplatz und Lustgarten und weiter Richtung Berliner Dom, Marx-Engels-Forum, Rotes Rathaus und Alexanderplatz.
Klack klack, klack klack, klackerten die Pferde und spannen Gregor und Marco mit ihrem monoton-hypnotisierenden Stepptanz in einen schlaftrunkenen, weißen Seidenkokon ein. Als Marco plötzlich ein Puffmais-Korn auf die Nase poppte. Erst eins. Dann noch eins. Und noch eins.
„He! Wer wirft denn hier mit Popcorn?“, ätzte er in die Dunkelheit.
Keine Antwort. Dafür weiteres Popcorn, das nun auch Gregor und dem Kutscher ins Gesicht prasselte. Puff puff, popp popp, plipp plopp, pffffh, erklang es plötzlich von überallher und füllte die Straßen, Plätze und Parks mit purzelnden Knallmais-Körnern, die ploppend zerpufften, wenn Menschenmassen, Autos oder Pferdedroschken über sie hinwegrollten. Wie bei einem Monsunregen hagelten die warmen Popcorn-Moleküle auf die Erde nieder und begruben die Menschen unter einer süß-klebrigen Schicht.
„Woher kommen die?“, schrie Gregor.
„Keine Ahnung!“, erwiderte Marco, während das abrupte Einsetzen eines hart wummernden Bassriffs ihm signalisierte, dass ihnen die Inszenierung eines weiteren Songs aus seiner Feder bevorstand: Don’t talk about popcorn, ein Lied, das er irgendwann einmal im Suff geschrieben hatte, seinen Weltschmerz und seine ersten Kiffererlebnisse verarbeitend.
Jetzt war es der Funkturm am Alex, der sich verwandelte. Wie ein riesiges Mikrofon reckte und streckte sich dieser dem Himmel entgegen, in dem sich Dutzende Schlitze auftaten, die synchron und wie Münder auf ihn einzusingen begannen.

The doors of perception are regularly opened
I frequent them twice a week when I need an advice
I go there by underground and walk up the stairs
That lead me to the temple where perception is shared

I don’t talk about popcorn, I don’t talk about popcorn
I don’t talk about popcorn, I talk about the world

Wow, das war großartig – und beängstigend zugleich! War ihnen das Riesen-Chamäleon bereits vorgekommen wie die vier Apokalytischen Reiter in Personalunion, so schienen Marco und Gregor die düster singenden Himmelsmünder die Vorboten der Verdammnis selbst zu sein. Jedes Mal, wenn sie ihre Mäuler für Vokale wie a, e und i aufrissen, erschauderte es einen, wenn man in ihre tiefen, finsteren Höllenschlunde blickte. Wie Schwarze Löcher sogen sie alles, was ihnen zu nahe kam, in sich hinein, zerwirbelten und zerfetzten es zu Staub, zerrieben es zu Molekülen und zentrifugierten es in seine Atome. Ein paar Tauben erlitten dieses Schicksal, ein paar Amseln teilten ihr Unglück und ein paar Spatzen gesellten sich in ihrem Todesrausch dazu, während Marco und Gregor beobachteten, wie die Vögel zermalmt wurden, erst zu blutigem Brei, dann zu einer zähen Masse, zuletzt zu Pulver und Wölkchen und Nichts. Dann sangen die Münder weiter.

I see people in nightclubs, breathe the smell of many perfums
While their best odeurs are tears, sweat and lust
Next to the red light district with its horizontal business
I see the kids go mad with chemical drugs

I don’t talk about popcorn, I don’t talk about popcorn
I don’t talk about popcorn, I talk about the world

Hier setzte ein ohrenbetäubendes Gitarrensolo ein, das so laut war, dass es den beiden den Atem nahm. Die Pferde scharrten panisch mit den Füßen und hätten sich am liebsten selbst gevierteilt. Doch zogen sie nur ergebnislos in alle Richtungen und wippten hospitalistisch mit den Köpfen. Gregor und Marco hatten sich auf den Boden der Kutsche geworfen und hielten sich schmerzgekrümmt die Ohren zu. Auch der Kutscher war in Deckung gegangen und hatte seinen Kopf unter dem Schafsfell versteckt, auf dem er gewöhnlich saß. Das Popcorn, das noch immer vom Himmel regnete (von woher genau, wusste keiner zu sagen), bot nur wenig Schallschutz. Es machte es nur schwieriger, sich einen guten Unterschlupf zu suchen, und kitzelte in Nasen und Ohren, wenn man in es eintauchte wie in ein klebrig-krosses Bällebad. Als der Höllenlärm endlich zu Ende war, krochen alle wieder langsam aus ihrer Deckung hervor und sahen den Mündern beim Singen der letzten Strophe zu.

I see people on sofas while they wait for better weather
Their meaning of life is a game like darts
They compost their own shit and spread it in their gardens
They exist for a while, then they go back into the earth

I don’t talk about popcorn, I don’t talk about popcorn
I don’t talk about popcorn, I talk about the world

 

 

Kaum war das Lied zu Ende, war auch der ganze Spuk vorbei. Der Funkturm stand wieder normal aufrecht an seinem Platz, der Himmel hatte aufgehört, Popcorn zu regnen, und die gruselig singenden Münder waren verschwunden. Nur der Puffmais, der überall am Boden lag und Mensch und Tier in den Haaren klebte, zeugte davon, dass hier etwas unerhört Ungewöhnliches geschehen sein musste. Etwas so unerhört Ungewöhnliches, dass weder Marco noch Gregor daran zweifelten, dass es tatsächlich geschehen war.
„Na, was abbä isch ihne gesagt: Es kommde noch dollärr – et voilà!“, sagte der Kutscher stolz. „Werde sie meine petite entreprise weiterempfähle, die ’Erren? Isch bin mir sischerr, sie abben sowas noch nischt erläbbt!“
Damit zog er wieder die Zügel und wollte mit seiner Kutsche weiterfahren. Doch die Pferde versagten ihm ihren Dienst. Ängstlich zitternd standen sie dicht aneinanderpresst und ein großer Haufen Pferdeäpfel zeigte, dass sie die Hosen gestrichen voll hatten. Der Kutscher versuchte es mit gut zureden, stieg sogar ab und streichelte ihnen beruhigend über Nasen-rücken und Nüstern. Doch nichts half. Die Tiere waren nicht zum Weitergehen zu bewegen.
„Lass uns zu Fuß nach Hause gehen“, schlug Marco Gregor vor.
„Ja, sind ja nur noch ein paar Meter“, sagte Gregor. „Ein Katzensprung, wenn das ganze Popcorn nicht wäre.“
„22:14 Uhr. Wir sind schon über eine Stunde zu spät! Chris und Sheldon werden sich sicher fragen, ob wir noch kommen…“
„Vielleicht haben sie die Mission auch schon abgeblasen…?“
„Arme Tullia… Komm, lass uns beeilen…!“
Und so zahlten sie dem Kutscher die Fahrt, gaben sogar Trinkgeld und versprachen, ihn bald noch einmal zu besuchen.
„Dann nehmen wir aber eine harmlosere Musikbegleitung. Ein Musical oder so.“
Der Kutscher nickte und lächelte und sagte: „Bringt midd eure Freundinnens und isch mache midd euch romantischste Kutschfahrt der Wälld!“
Gregor und Marco verabschiedeten sich und verschwanden in der popcorngetränkten Nacht. Aus der Ferne hörten sie noch den Kutscher, wie er versuchte, seine Pferde zum Weiterlaufen zu bringen: Mit den Händchen klapp, klapp, klapp, mit den Füßchen trapp, trapp, trapp…